Nach Deportation und Trudarmee – Russlanddeutsche Familien zwischen Erinnerung und Bewältigung

Mo, 19.10.26
17.00 – 19.00 Uhr
DAI Heidelberg, Sofienstraße 12, 69115 Heidelberg

Nach dem Angriff des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurden rund 1,2 Millionen Russlanddeutsche pauschal verdächtigt, mit der deutschen Wehrmacht zusammenarbeiten zu wollen. Mit Stalins Erlass vom 28. August 1941 wurde eine große Mehrheit von ihnen aus der Ukraine, dem Kaukasus und der Wolgaregion in Viehwaggons nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Hunderttausende Frauen, Männer und Jugendliche wurden dabei für mehrere Jahre zur Zwangsarbeit in die Trudarmee eingezogen. Familien wurden von jetzt auf gleich getrennt, viele überlebten die wochenlange Verschleppung oder die schwere Arbeit unter widrigsten Bedingungen nicht.

Die Erfahrungen von Zwangsarbeit, Vertreibung und der Stigmatisierung als „Volksfeinde“ hinterließen tiefe Spuren. In der Sowjetunion konnte über die russland-deutschen Repressionserfahrungen nicht öffentlich gesprochen werden. Auch in den Familien wurde das erfahrene Leid über Jahrzehnte wenig besprochen. Der Heimatverlust, die Familientrennung und die körperlichen sowie psychologischen Folgen der Zwangsarbeit prägen russlanddeutsche Familien-strukturen und Identitäten dennoch über Generation hinweg bis heute.

Diese Erfahrungen gehören zur deutschen Geschichte, sind jedoch in der breiten Öffentlichkeit noch kaum bekannt. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist heute von besonderer Bedeutung. Die potentiell traumatischen Erfahrungen innerhalb der Familie erzählbar zu machen, kann dazu beitragen, transgenerationale Prägungen besser zu verstehen und Wege der Verarbeitung zu eröffnen.

Zugleich geht es um gesellschaftliche Erinnerung. Gerade in einer Zeit, in der die stalinistische Vergangenheit neu bewertet und Unrecht relativiert wird, ist es wichtig, das Wissen über die Repressionen und insbesondere die Erfahrungen der Betroffenen in den Fokus zu rücken. Die Auseinandersetzung mit Deportation, Zwangsarbeit und Verfolgung kann dazu beitragen, unterschiedliche Geschichtsbilder einzuordnen und die Folgen dieser Zeit für russlanddeutsche Familien besser zu verstehen.

Mosaik Deutschland e.V. und die Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland am Historischen Seminar der Universität Heidelberg möchten dieses Kapitel gemeinsam beleuchten. Dabei richten wir den Blick ganz bewusst auf die Resilienz- und Bewältigungsstrategien der Betroffenen und ihrer Nachkommen. Wie gelang und gelingt es Familien, mit diesem schweren Erbe umzugehen? Welche Rolle spielte der Glaube dabei und wie geht man heute mit dem Thema Trauma um? Wie kann gesellschaftliche und politische Aufarbeitung aussehen?


Programm

17:00 Uhr | Begrüßung

17:15 Uhr | Historische Einordnung
Dr. Jasmin Söhner und Stella Gushakowski geben Einblicke in ein aktuelles Forschungsprojekt zur russlanddeutschen Erfahrung von Deportation und Zwangsarbeit in der Trudarmee

17:45 Uhr | Podiumsdiskussion
Simon Wiebe und Alexander Frohn sprechen aus theologischer und psychotherapeutischer Perspektive über den Umgang mit den Folgen von Deportation, Zwangsarbeit und Verfolgung in russlanddeutschen Familien.

Moderation: Dr. Bettina Kaibach

18:15 Uhr | Publikumsgespräch
Studierende, Angehörige der Community, Nachfahren und alle Interessierten sind herzlich eingeladen, Fragen zu stellen, eigene Perspektiven einzubringen und den Raum für einen gemeinsamen Austausch zu nutzen.



Simon Wiebe

Simon Wiebe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich „Heimat(en)“ an der Universität Heidelberg und zugleich am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold tätig. Zuvor studierte er Evangelische Theologie und Geschichte. An der Universität Heidelberg promoviert er zu Heimatvorstellungen in russlanddeutschen Post-Gulag-Theologien im Spiegel mennonitisch-baptistischer (Auto-)Biografien.

Dipl. Psych. Alexander Frohn
Alexander Frohn ist Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychoanalytiker. Er führt eine eigene Praxis in Offenburg. Darüber hinaus ist er Dozent am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Freiburg sowie Supervisor und Lehranalytiker (DGPT). Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Migration und Psychotherapie, insbesondere in der psychotherapeutischen Arbeit mit russlanddeutschen Patient*innen.

Dr. Bettina Kaibach
Bettina Kaibach studierte Amerikanistik und Slawistik in Heidelberg und an der Emory University. Sie promovierte in slawischer Literaturwissenschaft und ist Dozentin am Slavischen Institut der Universität Heidelberg. Gemeinsam mit Prof. Dr. Tanja Penter leitet sie dort die Zweigstelle der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde. Neben ihrer Lehrtätigkeit übersetzt sie Literatur aus dem Russischen und Tschechischen und schreibt unter anderem für den Tagesspiegel und die Frankfurter Allgemeine Zeitung über osteuropäische Themen.

Jasmin Söhner
Jasmin Söhner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Sie promovierte an der Universität Heidelberg mit einer Arbeit zur strafrechtlichen Aufarbeitung von NS-Verbrechen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit unterschiedlichen Formen der politischen, juristischen und individuellen Aufarbeitung von Staatsunrecht in Deutschland und Osteuropa.

Stella Gushakowski
Stella Gushakowski studiert derzeit Geschichte und Geographie an der Universität Heidelberg. Sie ist studentische Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland sowie am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte. Darüber hinaus forscht sie eigenständig zu ihrer russlanddeutschen Familiengeschichte.



Die Veranstaltung wird von Mosaik Deutschland e. V. in Kooperation mit der Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland am Historischen Seminar der Universität Heidelberg sowie mit Unterstützung des Deutsch-Amerikanischen Instituts Heidelberg (DAI) umgesetzt. Gefördert wird die Veranstaltung durch die Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland sowie im Rahmen des Projekts „Lasst die Bubble platzen! – Miteinander kontrovers im Dialog“. Das Projekt wird von Mosaik Deutschland e. V. umgesetzt und im Rahmen des Bundesprogramms „Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Vor Ort. Vernetzt. Verbunden“ durch das Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.

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Datum
19 Okt. 2026
Uhrzeit
17:00